Der französische Schriftsteller Hervé Le Tellier ist am Dienstag, 28. April, im Carmen Würth Forum in Künzelsau mit dem 15. Würth-Preis für Europäische Literatur der Stiftung Würth ausgezeichnet worden. Er ist mit 25.000 Euro dotiert. Den Preis übergaben Maria Würth, Mitglied des Vorstands der Stiftung Würth, und Johannes Schmalzl, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Würth.
Er erhält die Auszeichnung der Stiftung Würth „für die Intensität, mit der er in seinem weitgespannten Werk Ausnahmezustände der menschlichen Existenz zur Sprache bringt und die Originalität, mit der er Formexperimente der modernen Literatur aufgreift und fortentwickelt“, würdigt die Jury. „Le Tellier ist ein Meister der Verknüpfung und Anspielung und des Spiels mit literarischen Genres.“
Hervé Le Tellier, geboren 1957 in Paris, gilt als einer der etabliertesten zeitgenössischen französischsprachigen Schriftsteller. International bekannt wurde er 2020 mit seinem Roman „L‘Anomalie“ („Die Anomalie“), für den er mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde. Spätestens seit 2021, als der mit dem Gedankenexperiment einer Duplikation der Wirklichkeit spielende Bestseller auf Deutsch erschien, sorgt sein Werk auch hierzulande für Aufsehen. Der studierte Mathematiker und promovierte Linguist Le Tellier ist Präsident der avantgardistischen Literaturgruppe Oulipo. 2025 erschien bei Rowohlt seine eindringliche Erzählung „Der Name an der Wand“ („Le Nom sur le mur“, 2024) über das kurze Leben des bislang unbekannten Résistance-Kämpfers André Chaix.
© Ufuk ArslanVon links: Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg Petra Olschowski, Französischer Generalkonsul in Stuttgart Gaël de Maisonneuve, Professorin für Literaturwissenschaftliche Kulturwissenschaft und Kulturtheorie an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Jurorin und Laudatorin Dorothee Kimmich, Juror Prof. Dr. Lothar Müller, Preisträger Hervé Le Tellier, Übersetzer Jürgen Ritte, Vorsitzende der Jury C. Sylvia Weber, Juroren Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Raulff und Marie Schmidt, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Würth Johannes Schmalzl, Vorständin Maria Würth.
Der mit 25.000 Euro dotierte Würth-Preis für Europäische Literatur wird alle zwei Jahre vergeben. Die mit diesem Preis verbundene Europa-Vorstellung ist weit gefasst. Sie meint vor allem kein kulturell begradigtes Europa. Vielmehr soll der Preis den Blick lenken auf ein vielstimmiges Europa der Übergänge und Zwischentöne, der Unterschiede und Vermischungen. Das Interesse gilt deshalb auch den Randzonen und Grenzbereichen europäischer Lebensformen und Wertvorstellungen, die aus dem Fundus unterschiedlicher Sprachen und Traditionen erwachsen. Auf diese Weise kann Europa als schützenswertes Ensemble verästelter Kulturen, als artenreiches „kulturelles Biotop” neu erscheinen.
Der Preis würdigt literarische Bemühungen um die kulturelle Vielfalt Europas. Er wird vor allem an Persönlichkeiten verliehen, die im Schnittpunkt unterschiedlicher Kulturen arbeiten, die sich mit europäischen Kulturtraditionen auseinandersetzen oder sich Problemen widmen, die in ihrem Land erst durch europäische Einflüsse entstanden sind. Ausgezeichnet werden also Autorinnen und Autoren, deren Werk und Leben Reflex dieser besonderen Kulturerfahrungen sind. Die literarische Gattung spielt dabei keine Rolle.
Dorothee Kimmich, Dr. phil., ist Professorin für Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft und Kulturtheorie an der Universität Tübingen. Ihre wichtigsten Veröffentlichungen sind: Lebendige Dinge in der Moderne, Konstanz 2011; Ins Ungefähre. Ähnlichkeit und Moderne, Konstanz 2017; Leeres Land. Niemandsländer in der Literatur, Konstanz 2021. Sie leitet seit 2005 die Tübinger Poetik Dozentur. Die Tübinger Poetik-Dozentur ist ein Projekt der Stiftung Würth und wird von der Adolf Würth GmbH & Co. KG gefördert.
Lothar Müller, 1954 in Dortmund geboren, wurde 1986 mit einer Arbeit über Karl Philipp Moritz und den psychologischen Roman promoviert, war Dozent am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin und Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Kulturwissenschaft in Deutschland. Von 1997 bis 2002 war er Redakteur im Literaturblatt der FAZ, von 2001 bis 2020 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin. Seit 2010 ist er Honorarprofessor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschienen: Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt (2021), Spinnen. Ein Porträt (2024) und Die Feuerschrift. Giacomo Casanova und das Ende des alten Europa (2025).
Ulrich Raulff, 1950 in Hülseberg bei Meinerzhagen (NRW) geboren, studierte Philosophie und Geschichte an der Philipps-Universität Marburg und schloss im Oktober 1977 seine Promotion ab. 1995 habilitierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Kulturwissenschaft. Nach 15 Jahren freiberuflicher Tätigkeit als Journalist, Übersetzer und Editor 1994 Eintritt in die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ab 1997 Leiter des Feuilletons. Von 2001 bis 2004 Leitender Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Von 2004 bis 2018 Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, von 2018 bis 2025 Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart und Berlin. Mitgründer der Zeitschrift für Ideengeschichte, Autor mehrerer Bücher zur Ideen- und Kulturgeschichte, u. a. Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben (2009), Das letzte Jahrhundert der Pferde (2015) und Wie es euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks (2025). Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und des PEN-Zentrums Deutschland.
Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt in Köln. Studium der Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Radioredakteur, Übersetzer und Herausgeber (u.a. von Michael Chabon, Robert Stone, Harold Brodkey, Ruth Rendell, David Foster Wallace). Herausgeber der Mare-Bibliothek und von Arche Paradies. Seit 2003 ist er Moderator des ARD- Literaturmagazins Druckfrisch. Auszeichnungen (Auswahl): Friedrich-Perthes-Preis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Julius-Campe-Preis, Champagne-Preis für Lebensfreude, Hildegard-von-Bingen-Preis, Bayerischer Fernsehpreis, Sonderpreis zum Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, Deutscher Fernsehpreis, Übersetzerbarke, Kritikerpreis des deutschen Anglistentages. Autor diverser Sachbücher, zuletzt Schecks Kanon und Schecks Bestsellerbibel bei Piper sowie, zusammen mit Eva Gritzmann, „Kafkas Kochbuch“ bei Klett-Cotta.
Marie Schmidt, 1983 in München geboren, hat dort Komparatistik, Interkulturelle Kommunikation und Europäische Ethnologie studiert. Nach einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule war sie freie Autorin und ab 2014 Redakteurin im Feuilleton der ZEIT. Seit 2018 ist sie Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, vor allem für Literatur. 2019 wurde sie mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman »Der Süden« (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane »Die Schwestern« (2026), »Long Island« (Roman, 2024) sowie »Vinegar Hill« (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022–2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.
Studium der Bibliothekswissenschaften in Stuttgart, später der Kunstgeschichte in Würzburg. 1983 bis 1985 stellvertretende Leiterin der Universitätsbibliothek in Stuttgart, Zweigstelle Vaihingen. 1989 bis 2025 kuratorische Betreuung der Hirschwirtscheuer, Museum für die Künstlerfamilie Sommer in Künzelsau. Von 1991 bis 2025 Kuratorin der Sammlung Würth und Zug um Zug Leiterin der Museen Würth in Künzelsau und Schwäbisch Hall. Seit 2003 Kuratoriumsmitglied der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. 1993-2025 Prokuristin bei der Adolf Würth GmbH & Co. KG. Von 1993 bis 2023 Beirätin im Museumsverband Baden-Württemberg. 2007 bis Juni 2013 Mitglied der Führungskonferenz der Würth-Gruppe, von Juli 2013 bis Juli 2025 Geschäftsbereichsleiterin Kunst und Kultur in der Würth-Gruppe. 2011 Auszeichnung mit dem Medienpreis des Haller Tagblatts. 2013 Auszeichnung zum Chevalier de l’ordre des Arts et des Lettres des französischen Kulturministeriums. Seit 2014 Mitglied des Kuratoriums Stiftung Preußischer Kulturbesitz. 2015 Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Seit 2017 CEO der Reinhold Würth Musikstiftung gGmbH mit den Würth Philharmonikern. Seit 2019 Mitglied im Aufsichtsrat der Schwäbisch Haller Bürgerstiftung. Seit 2020 gewähltes Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Schillergesellschaft in Marbach. Seit 2025 Trägerin der „Médaille du Traité de l’Élysée“.
Das folgende Imagevideo vermittelt anhand der Preisverleihung 2024 Eindrücke vom Würth-Preis für Europäische Literatur, der an den irischen Schriftsteller Colm Tóibín verliehen wurde:
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© Ufuk Arslan. Annie Ernaux wurde 2022 mit dem 13. Würth-Preis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Sie und einige weitere Preisträgerinnen und Preisträger erhielten nach dieser Auszeichnung auch den Nobelpreis für Literatur.
Colm Tóibín, geboren 1955 in Enniscorthy, County Wexford, gilt als einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart, vielfach preisgekrönt.
Er erhält die Auszeichnung "für seine Kunst der Menschendarstellung in Roman und Erzählung sowie für die luziden Literaturinterpretationen seiner Essays und Vorlesungen."
Bei der feierlichen Verleihung am 04. Juni 2024 im Carmen Würth Forum in Künzelsau nahm der 69-jährige Schriftsteller den Preis unter großem Beifall von C. Sylvia Weber, Aufsichtsrätin der Stiftung Würth, sowie Johannes Schmalzl und Maria Würth, Mitglieder des Vorstands der Stiftung Würth, entgegen.
© Ufuk Arslan
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